COMPENDIUM CULTURAL POLICIES AND TRENDS IN EUROPE
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In 2013 a project on cultural and creative research was launched and will result in a model strategy for sustainable urban and cultural development.

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Liechtenstein/ 1. Historische Perspektiven: Kulturpolitik und ihre Instrumente  

Author: Kornelia Pfeiffer

Die Fürstlichen Sammlungen gehören zu den bedeutendsten privaten Kunstsammlungen der Welt. Lange Zeit dachte, wer im Kleinstaat Liechtenstein von Kultur sprach, an diese Schätze der europäischen Kunst aus fünf Jahrhunderten. Was die Menschen im katholischen Land, das noch um die Wende zum 20. Jahrhundert ein armes Agrarland war, als Kultur im eigenen Alltag lebten, entsprach dem christlichen Brauchtum. Die Religion war Grundlage der Kultur.

Burg GutenbergErst als die Wirtschaft im kleinen Staat nach dem Zweiten Weltkrieg mit hohem Tempo die Modernisierung nachholte, begann sich eine wirkliche Kulturlandschaft zu entwickeln. Liegen die Wurzeln der Fürstlichen Sammlungen im barocken Ideal kunstsinnigen fürstlichen Mäzenatentums, fördern heute auch Vertreter der Privatwirtschaft in Liechtenstein Kunst und Kultur. Die staatliche Kulturpolitik setzte in den 1960er und 1970er Jahren ein – als Reaktion auf private Initiativen. Heute trägt der Staat das reiche kulturelle Leben auf vier Ebenen entscheidend mit: international europäisch, national, in der Region Rheintal und in den elf Ortschaften des Landes.

Das Jahr 2016 markiert einen neuen Meilenstein der liechtensteinischen Kulturpolitik. Mit dem neuen Kulturgütergesetz (KGG) hat das Fürstentum Liechtenstein zum ersten Mal in seiner Geschichte den Kulturgüterschutz gesetzlich national verankert. Das Gesetz über den Schutz, die Erhaltung und die Pflege von Kulturgütern gibt die Gewähr, dass Kulturgüter – in Besitz des Landes, einer Gemeinde oder in Privateigentum – vor Verlust bewahrt und langfristig erhalten werden. Es ordnet die Bereiche Archäologie, Denkmalpflege und Kulturgüterschutz neu. Nicht nur ist das kulturelle Erbe von großer Bedeutung für die Identität einer Gesellschaft. Das moderne Gesetz zur Kulturgutpflege entspricht auch den verschiedenen internationalen Konventionen, die Liechtenstein seit Jahren erfüllt: darunter die „Haager Konvention“, das „Europäische Kulturabkommen“, das „Übereinkommen zum Schutz des architektonischen Erbes“ Europas, das „Europäische Übereinkommen zum Schutz des archäologischen Erbes“. 2012 schuf die liechtensteinische Regierung das Amt für Kultur und ebnete den Weg für eine fokussierte Gestaltung von Kulturpolitik. Ab 2017 übernimmt das Amt die Aufgabe, umfassende Kulturschutzmassnahmen umzusetzen sowie die Zusammenarbeit zwischen Land und Privateigentümern sicherzustellen.

Wie im Kulturleitbild von 2011 festgehalten, verbindet Kulturpolitik in Liechtenstein Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Dies beinhaltet die Pflege der Besonderheiten des Kleinstaates und die Förderung von Unabhängigkeit und Freiheit im Denken sowie Vielfalt im Handeln. Dazu gehört auch die Förderung eines breiten Kulturangebots sowie des kulturellen Schaffens. Mit dem Kulturförderungsgesetz besitzt Liechtenstein seit 2008 die gesetzliche Grundlage zur Förderung kultureller Leistungen Privater. Das Gesetz stärkt und vereinfacht den staatlichen Kulturauftrag. Mit der "Kulturstiftung Liechtenstein" richtet eine zentrale Institution die Förderung des privaten Kulturlebens aus. Kultur zu Beginn des 21. Jahrhundert wird zeitgemäß interpretiert und umfasst neben Musik, Bildender Kunst, Literatur, Architektur, Theater, Tanz und Film auch Volkskultur, Wissenschaft und Denkmalpflege, Museen und Ausstellungen.

Sechs kulturpolitische Handlungsfelder hat das Kulturministerium definiert: Bis 2021 soll die im Land gelebte unverwechselbare Kultur international ein positives Bild bestärken. Viele Menschen im Land sollen ein Bewusstsein für die Bedeutung von Kultur entwickeln. Das Kulturschaffen in Liechtenstein soll vielfältig sein. Unternehmen in der Kreativwirtschaft sollen als Impulsgeber für Kultur und Wirtschaft dienen. Die Beziehungen zu den Nachbarländern sollen sich vielfältig gestalten. Liechtenstein soll ein attraktiver Platz für nachhaltige Kulturprojekte sein, international präsent und die Kulturschaffenden mit der Welt vernetzt.

Das Land Liechtenstein gibt dazu nicht nur finanzielle Zuschüsse für Künstler, Kulturprojekte, Kooperationen. Der Staat trägt auch Verantwortung für öffentliche Institutionen: für Musikschule und Kunstschule – beide auf Privatinitiative gegründet – für die Landesbibliothek als Nationalbibliothek, für das Kunstmuseum als Nationalgalerie und das Landesmuseum. Diese älteste kulturelle Einrichtung verdankt Liechtenstein der Initiative des Historischen Vereins, der – gegründet 1901 – die kulturelle Entwicklung des 20. Jahrhunderts maßgeblich prägte. So ist der Verein auch Impulsgeber für den Schutz von Kulturgütern und für die Denkmalpflege – die Brücken zur Vergangenheit.

Das Wissen darum, wie sehr Kultur die tief liegenden Schichten im Menschen und in der Gesellschaft trifft, formt die Position der liechtensteinischen Kulturpolitik. Sie spiegelt sich auch im Profil des Kunstmuseums Liechtenstein wider, das bewusst Themen sucht, die sich mit dem zeitgenössischen Lebensgefühl in Europa auseinandersetzen. Die Nationalgalerie ist Ort der internationalen Kunst, bezieht sich aber als Regionalmuseum auch auf das kulturelle Magma der Region Rheintal. Donatoren aus der Privatwirtschaft schenkten das Museum im Jahr 2000 dem Land. Hier sind auch Werke aus den Sammlungen des Fürsten von Liechtenstein zu sehen sowie Werke aus der Staatlichen Kunstsammlung, die – gegründet 1967 – mit Kunstwerken aus dem 19. und 20. Jahrhundert zeitlich an die Sammlungen der Fürsten von Liechtenstein anknüpft. Zur Kollektion gehören auch Bilder von Ferdinand Nigg. Der Pionier und Einzelgänger aus Liechtenstein, der in Deutschland wirkte, reiht sich ein unter die wichtigen Namen der Klassischen Moderne.

Die Verbindung zwischen Privat und Land ist ein wichtiger Bestandteil der liechtensteinischen Kultur. Im Mai 2015 intensivierte das Kunstmuseum Liechtenstein die Zusammenarbeit mit der Hilti Art Foundation. Sie präsentiert ihre international bedeutende Kunstsammlung in einem eigenen neuen Bau unter dem Dach des Kunstmuseums.

Zu Beginn des Jahrtausends hatte die kulturelle Aufbruchstimmung in Liechtenstein an Dynamik gewonnen: Das Land zeigte seine Vielfalt bei der Expo 2000 in Hannover und nahm am gesamteuropäischen Projekt Literaturexpress Europa 2000 teil. In den 1990er Jahren war das Kulturangebot sprunghaft gewachsen: Das Symphonische Orchester, die Musical Company, die Internationalen Gitarrentage wurden gegründet, verstärkt trugen professionelle Künstler zur Bildenden Kunst, zu Musik, Literatur, Theater und Tanz bei, erstmals stellte Liechtenstein Bücher bei den deutschsprachigen Buchmessen in Frankfurt und Leipzig vor. Von 1964 bis 2007 hielt der Kulturbeirat die Förderung der Kultur in der Hand und setzte Impulse für zahlreiche Kulturprojekte. Er beriet die Regierung, die mit dem Kulturfördergesetz von 1990 das freie Kunstschaffen für jedermann im Land gesichert hatte. International im Spitzenfeld liegt Liechtenstein mit dem Corporate-Goveranance-Gesetz für staatliche Unternehmen von 2010. Die liechtensteinische Regierung steuert und beaufsichtigt damit Staatsunternehmen verantwortungsvoll und qualifiziert. Unter der Kontrolle des Parlaments. Dies garantiert, dass Kulturinstitutionen im Fürstentum Liechtenstein transparent und effizient geführt werden.

Von 1999 bis 2011 koordinierte die Stabsstelle für Kulturfragen – sie wurde 2012 in das Amt für Kultur eingegliedert – die verschiedenen staatlichen Aufgaben des Liechtensteiner Kulturlebens. Sie beriet das Ressort Kultur, setzte Projekte um und vertrat Liechtenstein in internationalen und regionalen Kommissionen. Als Schaltstelle für das regionale und internationale Engagement des Landes arbeitete sie in den Kulturkommissionen des Europarats, von EWR / EFTA und der Internationalen Bodenseekonferenz (IBK) mit. Der Austausch über und von Kunst und Kultur über die Grenzen hinweg sowie die offene Kulturpolitik spielten und spielen für Liechtensteins Außenpolitik eine wachsende Rolle. Mit einem Strategiepapier stellte Regierung 2010 die Kulturaußenpolitik auf eine systematische Basis. Kultur ist für Liechtenstein ein Mittel der Integration und des Dialogs. 2015 feierte der Kleinstaat sein 25-Jahr-Jubiläum des UNO-Beitritts. Heute gehört Liechtenstein zu den führenden Stimmen, wenn es um Rechtsstaatlichkeit und internationale Strafgerichtsbarkeit geht. Es tritt an den drei UNO-Standorten New York, Wien und Genf entschieden für Menschenrechte und die Wahrung des Völkerrechts ein.

Mit dem Wirtschaftsboom nach dem Zweiten Weltkrieg zog es viele verschiedene Nationalitäten, Kulturen und Religionen in den Kleinstaat Liechtenstein. Die kulturelle Begegnung und das gegenseitige Kennenlernen gelten laut Kulturleitbild von 2011 als zentrale Elemente zum toleranten Umgang mit Unterschiedlichkeit. Kultur leistet einen wichtigen Beitrag zur nationalen Identität. "Mein Land" lautete der Titel des ersten Kulturforums 2010. Im Jahr 2012 etablierte das Regierungsressort Kultur das Projekt Kulturforum Liechtenstein weiter. Unter dem Leitsatz "Eine Lawine besteht aus Kristallen" machte das Kulturforum 2012 aufmerksam auf die Qualitäten und Aktionsmöglichkeiten jedes Einzelnen. 2013 stellte das Kulturforum das Thema Baukultur in Liechtenstein und die Frage in den Mittelpunkt, welchen Mehrwert Architekturschaffen für die Kultur leistet. Mit dem Förderpreis "Junge Kultur Liechtenstein", der mit CHF 10 000 (8 312 EUR) dotiert ist, unterstützte das Land Liechtenstein zugleich innovative Projekte im professionellen Kunst- und Kulturschaffen.

Die Verbindung zwischen Fürstenhaus und Land spielt eine ganz besondere Rolle, wie die „Schatzkammer Liechtenstein“ zeigt. Das 2015 eröffnete Museum in Vaduz ist Teil des Landesmuseums und einzigartig im Alpenraum. Es zeigt Kostbarkeiten, die eng mit Liechtenstein verbunden sind. Darunter befindet sich eine Replik des Herzoghuts, auch „Fürstenhaube“ genannt, den Fürst Karl von Liechtenstein 1626 herstellen ließ. Der Obersthofmeister Kaiser Rudolfs II. von Habsburg und spätere Landeshauptmann in Mähren wurde 1608 in den Fürstenstand erhoben. Der Name Liechtenstein geht bis ins 12. Jahrhundert zurück. Stammsitz ist Burg Liechtenstein in Maria Enzersdorf in Niederösterreich.

2019 feiert Liechtenstein 300 Jahre Fürstentum. 2012 erinnerten die Feiern "300 Jahre Oberland" an den Vertrag über den Verkauf der Grafschaft Vaduz an Fürst Johann Adam Andreas von Liechtenstein im Jahr 1712. Der Fürst hatte schon 1699 die Herrschaft Schellenberg, das heutige "Unterland", von den Grafen von Hohenems gekauft. Nicht mit wirtschaftlichen, sondern politischen Absichten: Im Jahr 1396 hatte der römisch-deutsche König Wenzel IV. Vaduz und Schellenberg in Prag die Reichsunmittelbarkeit verliehen, eine Voraussetzung für die spätere Souveränität Liechtensteins Im Jahr 1719 wurde das Fürstentum Liechtenstein gegründet und zum Reichsfürstentum erhoben. Johann Adam Andreas gilt jedoch nicht nur als Gründer Liechtensteins, er erweiterte auch die Fürstlichen Sammlungen um ein Herzstück, indem er die weltbekannten Werke des Decius-Mus-Zyklus von Peter Paul Rubens erwarb.

Auch die Postgeschichte und damit die Briefmarken des Fürstentums Liechtenstein sind eng mit Österreich verbunden und eines der ersten Länder die Briefmarken verwendeten. Das Landesmuseum Liechtenstein würdigte die Geschichte der Briefmarke im Kleinstaat 2012 mit einer Ausstellung "100 Jahre liechtensteinische Briefmarken 1912-2012". Die hohe künstlerische Qualität der Briefmarken stößt bei Philatelisten weltweit auf Interesse. Die ersten liechtensteinischen Briefmarken erschienen am 1. Februar 1912 in den fünf Postämtern im Land und zeigten das Porträt des regierenden Fürsten Johann II. auf drei Wertstufen. Gestaltet hatte sie der Jugendstil-Künstler Koloman Moser, ein Mitbegründer der Wiener Secession 1897. Die erste Briefmarken-Ausgabe gründete sich auf den Postvertrag zwischen Liechtenstein und Österreich. Ein bedeutender Wendepunkt in der liechtensteinischen Briefmarkengeschichte ist der Abschluss des Postvertrags mit der Schweiz, der am 1. Februar 1921 in Kraft trat. Nach dem Ersten Weltkrieg, als die Donaumonarchie zusammengebrochen war, wendete sich Liechtenstein in Richtung Schweiz. Die Schweiz übernahm mit dem Postvertrag 1921 die Post- und Telefondienste in Liechtenstein, gestattete dem Land jedoch die Herausgabe eigener Briefmarken. Ab 14. Februar 2015 war in allen Poststellen in Liechtenstein die Sonderbriefmarke zum 70. Geburtstag des liechtensteinischen Staatsoberhauptes Fürst Hans-Adam II. erhältlich.

Liechtensteins Vision ist, sich bis 2020 zu einem Kulturland zu entwickeln, das international über seine Kultur wahrgenommen wird. 2013 entdeckte Liechtenstein sein Potenzial als Land für die Kultur- und Kreativwirtschaft. Das Institut für Architektur- und Raumentwicklung der Universität Liechtenstein startete ein Forschungsprojekt zur Kultur- und Kreativwirtschaft. Die Wissenschaftler analysierten die Rolle des Architekturschaffens für die Kreativwirtschaft für Liechtenstein und das Alpenrheintal. Aus diesem Grundlagenwissen planen sie eine Modellstrategie für nachhaltige Stadt- und Kulturentwicklung zu entwickeln. Beim Kulturforum Liechtenstein 2013 fand unter dem Titel „Kulturraum und Raumkultur“ ein Austausch mit Fachleuten aus Architektur und Kultur aus Liechtenstein und den Nachbarländern statt. Ausgangspunkt des Projektes ist das liechtensteinische Kulturleitbild von 2011, worin das Kulturministerium des Fürstentums Liechtenstein das Ziel der Förderung von Kultur- und Kreativwirtschaft festhält. Liechtenstein entspricht somit dem Plan der Europäischen Union, verstärkt in die Kultur- und Kreativbranche zu investieren. Im September 2014 legte die Universität den ersten Kreativwirtschaftsbericht für Liechtenstein auf der Grundlage statistischer Daten für die Jahre 2005, 2008 und 2011 vor. Danach ist die Zahl der Beschäftigten in der Kreativwirtschaft als Teil der Gesamtwirtschaft vergleichbar mit Städten wie Wien und Zürich. Der Bericht gilt als wichtiger Schritt, um das große kreative Potenzial des Landes sichtbar zu machen (siehe Kapitel 4.2.3).


Kapitel publiziert: 17-11-2016

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