COMPENDIUM CULTURAL POLICIES AND TRENDS IN EUROPE
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Germany/ 1. Historische Perspektiven: Kulturpolitik und ihre Instrumente  

Author: Ulrike Blumenreich

Anders als die meisten europäischen Staaten hat Deutschland über Jahrhunderte aus vielen selbstständigen Feudalstaaten und Stadtrepubliken bestanden, die ihre eigene Kulturpolitik betrieben und eine Fülle von Kultureinrichtungen geschaffen hatten. Die selbstständigen kulturellen Traditionen sind bei der Reichseinigung 1871 nicht nivelliert und zentralisiert worden. Die neue Reichsregierung erhielt eine Zuständigkeit für die kulturelle Außenpolitik und die Teilstaaten blieben für die eigene Kulturpolitik verantwortlich. Unterhalb dieser Ebene entwickelte sich eine besondere kulturpolitische Selbstständigkeit der Kommunen, ergänzt um ein ausgeprägtes bürgerliches Engagement für Kunst und Kultur. In der Verfassung der Weimarer Republik (1919-1933) war die öffentliche Verantwortung für Kunst- und Kulturförderung auf die Reichsregierung, die Länderregierungen sowie die Stadt- und Gemeinderäte verteilt.

Das nationalsozialistische Regime (1933-1945) ersetzte diese seit JahrhunBrandenburger Torderten gewachsene Vielfalt durch eine gewaltsame Zentralisierung, die Entmündigung des bürgerlichen Engagements und die Instrumentalisierung der Kultur im Sinne des Nationalsozialismus. Diese Zentralisierung führte später zu einer besonderen Verankerung und Wertschätzung föderaler Strukturen in der Bundesrepublik Deutschland.

Mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges und der nationalsozialistischen Herrschaft am 8.5.1945 wurde das Deutsche Reich in die drei Westzonen, die spätere Bundesrepublik Deutschland, und die Sowjetische Besatzungszone, die spätere Deutsche Demokratische Republik, aufgeteilt. Auf eine kurze Phase gesamtdeutscher Bemühungen folgte eine getrennte kulturpolitische Entwicklung, die erst 40 Jahre später mit der deutschen Einigung am 3.10.1990 endete.

Die Deutsche Demokratische Republik (1949-1990)

In der Deutschen Demokratischen Republik wurde mit dem die Kulturpolitik in Deutschland bis 1933 prägenden Kulturföderalismus gebrochen, die Länder wurden 1952 aufgelöst und 15 Bezirke traten an ihre Stelle. An der Spitze des staatlich geleiteten Kulturbereichs stand ab 1954 das Ministerium für Kultur. Grundlage der Kulturpolitik der Deutschen Demokratischen Republik war ein Kulturverständnis, das einerseits das "humanistische Erbe" der klassischen Kunstformen und andererseits neue Formen der Alltagskultur umfasste. Sie ermöglichten eine Teilhabe der von der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands geführten Arbeiterklasse an kulturellen Ereignissen, deren ideologische Basis jedoch ein einseitiges, nur bestimmte Traditionen der Arbeiterbewegung berücksichtigendes Geschichtsbild war. Zur Wiederinbetriebnahme der traditionellen Kulturinstitute traten neue Einrichtungen wie Kulturhäuser, Jugendklubs und vor allem betriebliche Kulturaktivitäten, die von gesellschaftlichen Organisationen und der Gewerkschaft getragen wurden. Letztere war neben dem Staat der wichtigste Träger dieser Breitenkultur. Die Kulturarbeit aller Träger war in der Regel staatlich finanziert und parteipolitisch dirigiert.

Die neuen Bundesländer (seit 1990)

Mit dem Beitritt der Deutschen Demokratischen Republik zum Geltungsbereich des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland am 3.10.1990 endete diese Phase der kulturpolitischen Entwicklung. Ein Großteil der traditionellen, staatlich oder bezirklich getragenen Kulturinstitutionen ging auf die neu konstituierten Länder und Kommunen über. Nahezu alle kulturellen Aktivitäten und Einrichtungen der Betriebe und der Gewerkschaft wurden eingestellt und solche von gesellschaftlichen Organisationen wurden teilweise von freien Trägern fortgeführt. Die Strukturen der Kulturpolitik entsprechen seither im Wesentlichen denen der alten Bundesrepublik.

Die Bundesrepublik Deutschland (1949-1990)

Vor dem Hintergrund des nationalsozialistischen Missbrauchs von Kunst und Kultur, aber auch als ausdrückliche Auflage der Alliierten wurde in der Bundesrepublik Deutschland die kulturpolitische Verantwortung des Staates von Beginn an sehr zurückhaltend interpretiert. Nach der Wiederherstellung der kulturellen Infrastruktur blieb die Kulturpolitik weitgehend auf die Förderung der traditionellen Kunstformen und Kulturinstitutionen beschränkt. Erst im Zuge der gesellschaftlichen Modernisierung und der damit einhergehenden Jugend- und Bürgerbewegungen seit den sechziger Jahren erweiterten sich die Handlungsfelder der Kulturpolitik.

Mit der "Neuen Kulturpolitik" als Teil einer allgemeinen gesellschaftlichen Demokratisierung wurde in den siebziger Jahren der Gegenstand von Kulturpolitik auf das Feld der Alltagsaktivitäten ausgedehnt. Die Künste sollten möglichst allen Menschen zugänglich gemacht werden. Die Forderung nach der "Kultur für Alle" und nach dem "Bürgerrecht Kultur" führten in den siebziger Jahren zu einer erheblichen Ausweitung der kulturellen Aktivitäten, einem Ausbau der Kulturinstitutionen und zahlreichen neuen kulturellen Praxisfeldern, die mit wachsenden öffentlichen Mitteln gefördert wurden. Dem entsprach auch eine ständig steigende Nachfrage der Bevölkerung nach kulturellen Angeboten.

In den achtziger Jahren traten neben die Zielsetzung der reformorientierten Kulturpolitik der siebziger Jahre auch Vorstellungen vom "Wirtschafts- und Standortfaktor Kultur".

Die wiedervereinigte Bundesrepublik Deutschland (seit 1990)

Die neunziger Jahre waren einerseits geprägt von der deutschen Einigung, die für die neuen ostdeutschen Länder durch die Übernahme der Verwaltungsstruktur der Bundesrepublik und das damit verbundene Kulturpolitikverständnis zu einer Umstrukturierung und einem teilweisen Umbruch der Kulturlandschaft geführt hat. Andererseits wurden sie durch den Spar- und Konsolidierungsdruck der öffentlichen Haushalte sowie durch die vor allem bei den großen traditionellen Kulturinstitutionen offenkundig gewordenen strukturellen Probleme bestimmt.

Im Vergleich zu den Veränderungen der 1990er Jahre stabilisierte sich in den ersten Jahren des folgenden Jahrzehnts die Kulturpolitik in Deutschland. Allerdings steht die Kulturpolitik immer noch vor großen Herausforderungen und eine ständige Neuorientierung ist erforderlich. Das wichtigste Thema dabei sind die Finanzen, insbesondere da die negativen Folgen der jüngsten globalen Finanzkrise auf die lokalen und regionalen öffentlichen Haushalte sichtbar gemacht werden. Auf der anderen Seite sind einige dieser Probleme struktureller Art und betreffen die konzeptionelle Grundlage der Kulturpolitik. Trotz eines verbesserten Staatshaushalt auf nationaler Ebene und in einigen Bundesländern gibt es einen anhaltende Druck auf die Kulturinstitutionen, ihre wirtschaftliche Eigenkapitalquote zu erhöhen, ihre Institutionen wirtschaftlich effizienter zu führen und Mittel aus anderen Quellen wie Sponsoring, Mäzenatentum und Marketing zu steigern. Insbesondere erfordern die strukturellen Probleme eine Neujustierung des Verhältnisses zwischen Staat, Markt und Gesellschaft bezüglich der Finanzierung der kulturellen Institutionen, unter anderem durch Public-Private-Partnership-Modelle und eine stärkere Integration des bürgerschaftlichen Engagements. Darüber hinaus wird die konzeptionelle Grundlage der bisherigen Kulturpolitik durch Migrationsprozesse, die schnelle Entwicklung der Medien und eine Veränderung in der Zusammensetzung des Publikums (eine abnehmende Gesamtbevölkerung und eine zunehmende Zahl von älteren Menschen) herausgefordert. Derzeit wird in Deutschland intensiv über die Anforderungen der Kulturpolitik durch diese gesellschaftlichen Veränderungen diskutiert.


Kapitel publiziert: 12-09-2016

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