COMPENDIUM CULTURAL POLICIES AND TRENDS IN EUROPE
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Austria/ 1. Historische Perspektiven: Kulturpolitik und ihre Instrumente  

Author: Veronika Ratzenböck in Zusammenarbeit mit Franz-Otto Hofecker und Anja Lungstraß

Die Geschichte Österreichs ist im 20ten Jahrhundert vom Niedergang des Habsburger Reiches und dem Ende der Monarchie geprägt. Die Erste Republik nach dem Ersten Weltkrieg endete mit der Errichtung des Ständestaates (1919–1934), es folgten die Annexion durch Hitler-Deutschland und der Status als deutsche Provinz zwischen 1938 und 1945. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Österreich als Republik zwar wieder hergestellt, blieb aber noch zehn Jahre lang von den alliierten Siegermächten besetzt. Die endgültige Errichtung der souveränen, demokratischen Republik Österreich, der sogenannten Zweiten Republik, erfolgte 1955 mit der Unterzeichnung des Staatsvertrags.

Österreichs Kulturpolitik der Nachkriegszeit war stark prestigeorientiert. Sie konzentrierte sich auf die Unterstützung großer, traditionsreicher Kulturinstitutionen wie dem Wiener Burgtheater, der Staatsoper und Festivals und ignorierte weitgehend zeitgenössische Werke in der Literatur, im Theater, in der Bildenden Kunst und in der Musik. Der Großteil der KünstlerInnen und Intellektuellen, die während des Nationalsozialismus vertrieben wurden, erhielt keine Einladung zur Rückkehr.

Diese restriktive Haltung gegenüber Kunst und Kultur der Nachkriegszeit änderte sich im Laufe der 1960er und 1970er Jahre, als es insgesamt in Europa zu einer allgemeinen Politisierung und Radikalisierung kam: die kulturelle Avantgarde wurde auch in Österreich zum politischen Faktor und prägte maßgebliche politische Veränderungen. Die sozialdemokratische Regierung von Bruno Kreisky (1970-1983) schließlich versprach Modernisierung und Reformen in allen Bereichen, einschließlich eines Kulturkonzepts, das alle Bereiche des Lebens umschließen sollte. Man begann, Kulturpolitik als ein Element von Sozialpolitik zu verstehen.

1975 verabschiedete das damalige Bundesministerium für Bildung und Kunst einen kulturpolitischen Maßnahmenkatalog. Dessen wichtigste Ziele waren eine Verbesserung des Bildungsstands und eine Veränderung kultureller Gewohnheiten der Bevölkerung, außerdem sollte die Bildungslücke zwischen Stadt- und Landbevölkerung reduziert werden. Das Ministerium gründete den Österreichischen Kulturservice (ÖKS), um den Kontakt und den Austausch zwischen KünstlerInnen und anderen Kulturschaffenden mit Schulen, Volkshochschulen, Kulturzentren und Unternehmen zu erleichtern. Dies markierte insofern einen Wendepunkt, als damit ein Dialog zwischen verwaltenden Stellen, KünstlerInnen und KunstvermittlerInnen ausgelöst wurde. Diese Schritte waren wegweisend für das gegenwärtige System der Kunst- und Kulturförderung, das sich im Laufe der nächsten 25 Jahre verfeinerte. Die Einrichtung verschiedener Beratungsgremien, wie Beiräte, Ausschüsse und Kommissionen, Jurys, dem Einsatz von ExpertInnen und KuratorInnen führten zu mehr Transparenz und Demokratisierung der Kunst- und Kulturförderung. Außerdem wurden Vermittlungsstellen eingerichtet, die zum Teil von der Regierung betreut, aber auch in privaten Unternehmen verankert wurden.

Dies alles löste in den 1980er Jahren einen wahren Kultur-Boom aus: Die Zahl der Kunst- und Kulturveranstaltungen nahm enorm zu und die Kulturausgaben wurden erhöht, um das rund siebenfache der jährlichen Subventionen der vergangenen 25 Jahre. Dieser Anstieg beruhte nicht zuletzt auf der Unterstützung von Großevents, zahlreichen Festivals und wichtigen Ausstellungen.

Gegen Ende der 1980er Jahre, mit einer Neuauflage der großen Koalition zwischen christlich-demokratischer Volkspartei (ÖVP) und Sozialdemokratischer Partei (SPÖ) und angesichts der politischen Umbrüche in ganz Europa, verschoben sich die kulturpolitischen Prioritäten. Themen wie Privatisierung und Sponsoring rückten in den Fokus der Debatten. 1988 kam es schließlich zur Verankerung der öffentlichen Kulturfinanzierung in einem Bundesgesetz, dem Kunstförderungsgesetz. Aber die Verteilung der Fördermittel, die einerseits an große, auch kommerziell orientierte Kulturinstitutionen wie Musicals, populäre Opern oder Operetten und Museen mit hohen Eigeneinnahmen fließen und andererseits avantgardistische Kunstformen unterstützen, die ohne Förderungen aus der öffentlichen Hand nicht existieren würden, steht immer wieder im Mittelpunkt kontroverser Diskussionen.

Zwischen 1998 und 2006 lagen die kulturpolitischen Agenden in der Hand eines Staatssekretariats, das im Bundeskanzleramt angesiedelt war.

Eine wichtige politische Veränderung brachte im Jahr 2000 die Koalition zwischen der Volkspartei (ÖVP) und der Freiheitlichen Partei (FPÖ). Sie stieß auf erhebliche Kritik – sowohl national als auch international – vor allem unter KünstlerInnen und Intellektuellen. Die kulturpolitischen Ziele dieser Koalition, die 2002 wiedergewählt wurde, fokussierten sich auf die Auslagerung von öffentlichen Kultureinrichtungen und eine Reduzierung des Kulturbudgets. Mehr Aufmerksamkeit fanden nun (wieder) die sog. "Hochkultur", die Kreativwirtschaft und die Förderung von ökonomisch erfolgversprechenden Kunst- und Kulturprojekten, darunter auch die für den Tourismus relevanten Festivals.

Seit 2007 sind wieder alle Kunst und Kultur betreffenden Angelegenheiten unter einem Dach vereint, zunächst war bis 2013 das Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur (bm:ukk) zuständig. In diese Zeit fallen wichtige Maßnahmen im Kulturbereich, z.B. die Wiedereröffnung der Kunstkammer im Kunsthistorischen Museum in Wien und die Eröffnung des 21er Haus. In allen Sparten wurden Stipendienprogramme für NachwuchskünstlerInnen ausgeweitet und Maßnahmen zur Verbesserung des internationalen Profils österreichischer KünstlerInnen verstärkt. Weitere Schwerpunkte waren die Verbesserung der Arbeitsbedingungen im Kulturbereich, die Fortsetzung der Reform der Künstlersozialversicherung, die Filmförderung, die Erhöhung der Subventionen für die Bundestheater und Bundesmuseen, die verstärkte Förderung von Kunst- und Kulturvermittlung in Schulen und der freie Eintritt für Unter-19-Jährige in die Bundesmuseen.

Seit 2014 sind die Kunst- und Kulturangelegenheiten Aufgabe des Bundesministers für Kunst und Kultur, Verfassung und Medien, der dem Bundeskanzleramt zugeordnet ist. Die Bildungs- und Unterrichtsagenden liegen seitdem in der Zuständigkeit des Bundesministeriums für Bildung und Frauen.

Die Kulturpolitik auf Bundesebene konzentriert sich aktuell auf kulturelle Vielfalt und Kulturvermittlung, auf Internationalisierung und Förderung von jungen KünstlerInnen. Die Rahmenbedingungen für KünstlerInnen und andere Kultur- und Kreativberufen sollen verbessert werden, in diesem Zusammenhang sollen auch Steuerfragen geklärt und eine Reform des Urheberrechts durchgeführt werden. Schwerpunkte liegen auf der Förderung zeitgenössischer Kunst, Film sowie auf der Förderung der Teilhabe an Kunst und Kultur mit einem besonderen Fokus auf kultureller Bildung. Außerdem ist die Kulturpolitik auf Bundesebene zuständig für die Bundeskulturinstitutionen, den Denkmalschutz, Zugang zu Kulturgütern (auch durch Digitalisierung) sowie internationalen kulturellen Austausch und Zusammenarbeit.


Kapitel publiziert: 02-02-2016

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